Die Anfänge
Im Jahr 1964 wurde die reformierte Kirche Pfungen renoviert und bei dieser Gelegenheit der Untergrund des Kirchengebäudes erforscht. Die Archäologen fanden hier Mauerstücke, welche die Existenz eines Wohnturms aus der Zeit vor der Jahrtausendwende hinwiesen. Das legt nahe, dass der Wohnturm oder Bergfried der Burganlage, die man später Schloss nannte, westlich der Kirche jüngeren Datums war. Er muss als Wehr- und Wohnanlage der alemannischen Zuwanderer als Ersatz für den ersten entstanden sein, der dem Bau einer romanischen Kapelle oder Kirche weichen musste.
Im Jahr 1322 wird die Burg erstmals urkundlich bezeugt, als sie als Eigentum von Jakob von Wart, Minnesänger und Bruder des Königsmörders Rudolf von Wart, verkauft wird. Dies war übrigens auch das Jahr, in dem Pfungen als Siedlung erstmals urkundlich in Erscheinung tritt.
Daraufhin wechselt die Burg mehrmals ihre Besitzer. 1454 ging sie an Hans Wellenberg, einem Vertreter einer Junkerfamilie aus Konstanz und verblieb bei dieser Familie bis Thomas Wellenberg sie am 21. November 1524 an Hans Steiner, vormals Müller an der Lorze zu Cham, verkaufte. An die Junker Wellenberg erinnert uns noch heute die Wellenbergstrasse in unserer Gemeinde.
Die Zeit der Steiner
Als Hans Steiner Herrschaft und Burg erwarb, befand sich am westlichen Ausläufer und Sporn des Multberges nicht nur ein Wehr- und Wohnturm, sondern eine ganze Burganlage. Ein massiver Wohnturm stand inmitten eines unregelmässig gestalteten Hofraumes von 31 Meter Länge und 21 Meter Breite. Dieser war umgeben von einer 90 cm dicken Umfassungsmauer. Eine gezinnte Querwand in der Verlängerung der östlichen Turmseite schied den Hofraum in zwei Teile. Die Burganlage war durch einen Graben vom Dorf getrennt. Über eine Brücke gelangte man zum Tor und dann weiter in den sechs Meter breiten Zwinger. Der Wohnturm wies eine Höhe von 10,4 Meter auf, besass einen quadratischen Grundriss und eine Mauerdicke von 3,2 Meter. Auf dem Turm erhob sich ein Aufbau aus Holz – später aus Riegelwerk – als Wohnung des Burgherrn. Diese enthielt vier Räume. Die ursprüngliche Eingangstür befand sich auf sicheren acht Metern Höhe in der Nordost-Ecke des Turmes. Zur Zeit der Wellenberg oder auch erst in der Zeit der Steiner wurde die Burganlage vergrössert. Der östliche Hofraum wurde mit Wohngeschossen überbaut und auf der Westseite entstand ein ausgedehnter Wohntrakt, die „untere Burg“. Der 6,6 Meter hohe Wohnbau aus Mauerwerk besass dieselben Ausmasse wie der Turm. Er war unterkellert und enthielt im Erdgeschoss Vorratsräume. Darüber lag ein Geschoss mit einem grossen Flur und zwei Kammern. Dieser Burgteil war überdeckt von einem hölzernen Aufbau, der nahezu 2 m über das Mauerwerk auskragte. Das untere Geschoss des Aufbaus enthielt eine geräumige Küche mit einer grossen Feuerstelle, eine Stube und zwei Kammern. Darüber folgte ein Dachgeschoss, von welchem aus eine Treppe zum Wohngeschoss der „oberen Burg“ führte.
Heinrich Zeller-Werdmüller (1844-1903) widmete sich neben seiner beruflichen Tätigkeit als Geschäftsführer der Papierfabrik an der Sihl in Zürich der antiquarischen und historischen Forschung. Er war Vorstandsmitglied der Antiquarischen Gesellschaft Zürich und Vertreter des Kantons Zürich in der Landesmuseumskommission. Vor dem Abbruch unseres Schlosses hat er eine genaue Bestandesaufnahme der ganzen Anlage gemacht und mit Zeichnungen die äussere Erscheinung festgehalten. Dank seiner Arbeit verfügen wir über das Wissen über den Bau der Burganlage.
Die Stadt Winterthur erwirbt die Herrschaft Pfungen
Nach dem Tod von Hans Steiner im Jahre 1544 erbten die beiden älteren Brüder Hans und Wolfgang die Herrschaft Pfungen. Die beiden jüngeren Brüder Andreas und Hans Jakob erbten die Herrschaft Wülflingen-Buch, welche Vater Hans 1528 ebenfalls erworben hatte. Hans und Wolfgang verwalteten brüderlich und einvernehmlich das Erbe ihres Vaters. Beide wohnten in der Burganlage, mittlerweile Schloss genannt. Der eine im alten Bergfried mit Holzaufbau, dem „oberen Schloss“, der andere im „unteren Schloss“. Die späteren Nachkommen dieser Brüder entschlossen sich 1629 die Herrschaft zu veräussern, da sich immer mehr Brüder und Vettern in das Erbe von Stammvater Hans teilen mussten. Beim Verkauf waren 12 Steiner am Handel berechtigt! In der Stadt fanden sie eine Käuferin, welche 1798 die Herrschaftsrechte abtreten musste und noch im Besitz von Schloss und dazu gehörigem Grundeigentum blieb.
Im Kaufvertrag sind nicht nur Gebäude, Grundstücke, Zehnten, Grundzinsen, Rechte und Pflichten erwähnt und beschrieben, sondern auch Mobiliar und Inventar des Schlosses. Das Inventar enthielt:
„An silbernem Geschirr zwölf Löffel, an zinnenem Geschirr Suppenplatten, Platten, Teller, Salzbüchsli und zwei mässige Kannen, zwei- und dreimässige, an küpfernem Geschirr ein Kunsthafen, so in die Herdplatten gemauert, Weinhahnen und Bratpfannen, an weissem Plunder ein langes Tischlacken und zwölf gute Zwehelinen (Handtücher), an Eisenwerch ein Tüchelnepper (Teuchelbohrer), eine Fasswinde, Messer und Gabeln, und endlich an Allerley Bockgestelle zu der Bruggen, Feuerkübel, Tische, darunter ein langer, harthölzener Richtertisch, Siedelen (Stabellen), viele Fässer, Kellerleitern, Bücki, Weinträchter und anderes mehr.“
Mit der Übernahme der Herrschaft durch die Stadt Winterthur wohnte nun nicht mehr der Eigentümer im Schloss, sodass der Kleine Rat (Regierung) der Stadt einen Schlosswart bestellen musste. Dieser hatte in den ausgedehnten Gebäulichkeiten zum Rechten zu sehen, das Zehntenkorn und den Zehntenwein in Schütti und Keller zu verwalten und den Winterthurern den Bürgertrunk zu kredenzen. Anno 1682 ging das Amt des Schlosswartes an Abraham Maurer und blieb in dieser Familie bis 1829. Die Tochter des letzten aus der Familie, Margaretha Maurer, heiratete den Viehhändler Johannes Benz aus dem Neuhaus (Rest. Sternen). Nach der Heirat übersiedelte Benz ins Schloss und übernahm auch das Amt des Schlosswartes. Für die Stadt Winterthur war das Schloss in seinem schlechten Zustand kein einträglicher Besitz mehr und sie wollten es los werden. 1837 wurde das Schloss nebst Gütern an einer öffentlichen Gant versteigert, nachdem zwei Ganten in Pfungen erfolglos verlaufen waren. Schlosswart Johannes Benz bot am meisten und stieg damit vom Schlosswart zum Schlossherrn auf. Da das Paar Benz-Maurer kinderlos blieb, wurde Kaspar Fischer 1860 durch Kauf letzter Schlossherr.
Das Ende
Das Jahr 1875 bedeutete das Ende des Schlosses. Damals wurde die Eisenbahnlinie Winterthur-Bülach-Waldshut erstellt und das Pfungener Schloss an der westlichsten Spitze des alten Dorfes war der besten Linienführung im Wege. Als der letzte Schlossherr, Kaspar Fischer, bereit war, das Schloss der Nordostbahngesellschaft auf Abbruch zu verkaufen, war von keiner Seite Einspruch zu vernehmen. Der Gemeinderat meinte, „man könne mit dem alten Steinhaufen nichts mehr anfangen.“ Und weiter war der Gemeinderat überzeugt, „dass das Schloss selbst im Besitze intelligenter Leute niemals eine im Wert steigende Liegenschaft ergeben würde.“ Nach dem Verkauf 1874 wurde im folgenden Jahr das Schloss mit samt einem Teil des Burghügels abgetragen, um dem Bahntrassee Platz zu machen. Den Abtrag am Burghügel gegen Norden kann man bestens erkennen. Das lange, steile Bord von der Liegenschaft „Schlossberg“ zum Bahntrassee erkennt man sofort als nicht natürlich gewachsen. Auf dem verbliebenen Teil des Burghügels, auf dem Schlosskeller, wurde schon bald ein neues Haus mit Wirtschaft errichtet, der „Schlossberg“. Nach wenigen Jahren gab der Besitzer Georg Benz die Gaststätte wieder auf und übernahm den nahe gelegenen „Schlosshof“, einst Trotte des Schlosses.
Der Nachruf
Salomon Spänni (1825 – 1903), schrieb auf das Schloss einen Nachruf in Gestalt eines Gedichtes.
Horch, horch. Es tönt die Sage
von mir, ich altes Schloss;
Es schwinden meine Tage
Verfolgt vom Dampfesross.
Jahrtausend hab ich gestanden
auf diesem sonnigen Hügel,
gelöst sind mir meine Bande,
zerschnitten mir meine Flügel.
Selbst Multberg und Wart ward zertrümmert,
durch Agnes* frevelnde Hand,
doch ich stand hier unbekümmert,
fest wie die Berge im Land.
Im Anfang ward ich gewidmet
zu fürchterlich grausiger Tat,
doch später durch mich verrichtet
manch schöne christliche Tat.
Manch Wanderer hab ich erquicket
durch Bacchus labenden Trank,
das wird Dir noch heute berichtet
durch Winterthurs schriftlichen Schrank.
Verkünd es du Tempel der Jugend,
verkündets, ihr Enkel der Zeit,
dass ich geboten der Jugend
ein Werk, das für Euch gedeiht.
Verkündets, ihr Glocken vom Turme.
Verkünd es, du edle Kapell.
Verkündet’s zu meinem Ruhme
Dass ich Euch besser gestellt.
Leb wohl, Du, Acker des Friedens,
der treu zur Seite mir stand,
befördere Du ferner hienieden
die Deinen ins himmlische Land.
Lebt wohl, ihr Nachbarsgebäude.
Leb wohl, du friedliches Dorf.
Lebt wohl, ihr Bewohner, ich scheide
Von Euch, dem vergänglichen Ort.
So fahre denn hin nun im Frieden,
Du, lange bestandene Burg.
Dir sei ein Andenken beschieden,
rein, ohne Falschheit und Trug.
*Agnes war die Witwe von König Albrecht (Habsburger), an dessen Ermordung 1308 bei Windisch Rudolf von Wart beteiligt war. Ihre Rache liess Rudolf auf dem Rad hinrichten und die Burgen derer von Wart auf dem Warthügel und Multberg zerstören.
